In der Informationstechnik gibt es wenige Unternehmen, die auf eine
so lange Tradition zurückblicken können: IBM feiert seinen 100.
Geburtstag. «Big Blue» hat sich immer wieder neu erfunden und
rechtzeitig von Geschäften mit sinkender Gewinnmarge getrennt.
Berlin (dpa) - Loch oder kein Loch - mit diesem Unterschied auf
einer rechteckigen Pappkarte begann IBM vor 100 Jahren sein Geschäft
mit der digitalen Datenverarbeitung. Die Position des Lochs in den
Spalten und Zeilen der Karte bestimmte die Bedeutung des Zeichens.
Geändert hat sich seitdem nur das Medium für diesen binären Code: Auf
die Pappe folgten magnetische Folien, Siliziumscheiben mit
elektronischen Schaltungen, Träger für optische Signale und Versuche
mit Nanopartikeln.
Mit Blick auf die Gründung von IBM am 16. Januar 1911 konnte
Konzernchef Sam Palmisano daher sagen, das Unternehmen habe sich
einerseits immer wieder neu erfunden. «Eine andere Sicht ist, dass
wir ein Jahrhundert lang exakt die gleiche Sache gemacht haben.»
Dabei war das Unternehmen in seinen Anfängen eher ein
Gemischtwarenladen. Es entstand als Zusammenschluss von drei
verschiedenen Unternehmen: Die Computing Scale Company hatte nichts
mit Computern zu tun, sondern stellte Waagen her. Die International
Time Recording Company produzierte Uhren, und die Firma mit den
Lochkarten war die bereits 1896 von Herman Hollerith gegründete
Tabulating Machine Company. Hollerith war Sohn von Einwanderern aus
der pfälzischen Ortschaft Großfischlingen bei Neustadt an der
Weinstraße.
Seine Hollerith-Maschinen waren vor allem für den Staat
interessant, der die Effizienz seiner Verwaltung verbessern wollte.
Die schon 1910 gegründete Deutsche Hollerith-Maschinen Gesellschaft
(Dehomag) belieferte unter anderem die Kaiserliche Werft in Kiel und
die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte in Berlin. Im Ersten
Weltkrieg zählte die Dehomag zu den kriegswichtigen Betrieben, später
wird sie mehrheitlich von IBM übernommen, wie der Konzern seit 1924
heißt. Die Abkürzung steht für International Business Machines.
In den 30er und 40er Jahren wurde die Lochkartentechnik der
Dehomag auch vom NS-Regime genutzt - nach Recherchen des
amerikanischen Autors Edwin Black für das Buch «IBM and the
Holocaust» auch zur systematischen Erfassung der jüdischen
Bevölkerung. Inwieweit die Geschäftsführung in den USA Kenntnis von
den Dehomag-Geschäften mit dem NS-Staat hatte, ist laut IBM bis heute
umstritten.
Die gestanzten Lochkarten lieferten auch nach dem Krieg lange Zeit
die Daten für Computer wie das System/360. Dieser 1964 vorgestellte
und unter anderem in Böblingen ausgetüftelte Großrechner wurde
erstmals für alle Zwecke entwickelt - vorher gab es jeweils spezielle
Computer für Wissenschaft, Wirtschaft und Militär. IBM setzte damals
ebenso einen einheitlichen Standard wie 1981 mit dem Personal
Computer.
Der neue Trend der «Mikrocomputer» wurde zuerst von Apple und
Rechnern mit dem Betriebssystem CP/M von Digital Research bestimmt.
Dann aber zog der IBM-PC an den Pionieren vorbei und legte die
Grundlagen für die digitale Gesellschaft. Das Disk Operating System
(DOS), das Betriebssystem für den PC, ließ IBM von Microsoft-Gründer
Bill Gates entwickeln. Als die Bedeutung der Software deutlich wurde,
entwickelte IBM ein eigenes Betriebssystem für den PC mit der
Bezeichnung OS/2 - dies wurde 2005 eingestellt.
Als sich damals abzeichnete, dass mit dem PC immer weniger Geld zu
verdienen war, trennte sich IBM von diesem Geschäft - ähnlich wie
bereits 2003 von der Festplattensparte. Angesichts der ständigen
Neuerungen in der Informationstechnik sei «die Vorwärtsbewegung der
einzige Weg für ein High-Tech-Unternehmen, um sich von der
Commodity-Hölle fernzuhalten», sagt Vorstandschef Palmisano. Nur noch
Commodity, Rohstoff, zu liefern, das ist für IBM eine schreckliche
Vorstellung.
«Big Blue», wie der Konzern mit seinem Hauptsitz in Armonk bei New
York genannt wird, vertritt eine gehobene Firmenkultur, die jeder
CeBIT-Besucher sofort spürt, wenn er auf der Computermesse in
Hannover am IBM-Stand vorbeikommt. Dies fängt mit dem Äußeren der
Mitarbeiter an - die 1915 für den Vertrieb eingeführte Anzugspflicht
prägt die Armonker bis heute - und erstreckt sich bis zur
jahrzehntelangen Konzentration auf das Geschäft mit Großkunden. Erst
2007 gab Palmisano die Parole aus, verstärkt auf die mittelständische
Kundschaft zuzugehen.
Im vergangenen Jahr haben die rund 427 000 Mitarbeiter - unter
ihnen 20 000 in Deutschland - einen Umsatz von 99,9 Milliarden Dollar
erwirtschaftet. Der Gewinn vor Steuern kletterte auf den Rekord von
19,7 Milliarden Dollar. Davon entfielen mehr als 90 Prozent auf
Software, Dienstleistungen und Finanzierungen. Mehr als 70 Prozent
der 2010 registrierten 5896 US-Patente betrafen Neuentwicklungen für
Software und Dienstleistungen. Seit mehr als zehn Jahren unterstützt IBM auch die Open-Source-Szene um das freie Betriebssystem Linux.
Inzwischen verabschieden sich auch andere in der Branche vom
PC-Modell und suchen ihr Glück in der Cloud, in der Verlagerung von
IT-Prozessen aller Art in vernetzten Rechenzentren. Entsprechende
Lösungen sind einer von vier Wachstumsbereichen der gegenwärtigen
IBM-Strategie - neben dem Geschäft in Wachstumsmärkten wie China,
Indien und Brasilien, Angeboten zur Analyse von Geschäftsdaten sowie
Innovationen für einen «intelligenteren Planeten».
Auf einer Jubiläumsfeier sagte die neue Vorsitzende der
IBM-Geschäftsführung in Deutschland, Martina Koederitz, am
Mittwochabend in Berlin, mit den Innovationen ihres Unternehmens in
den letzten hundert Jahren sei die Welt «smarter geworden, vielleicht
auch ein Stück besser». Die Managerin fügte hinzu: «Ich bin
überzeugt, dass dies auch in den nächsten hundert Jahren der Fall
sein wird.» IBM denkt da unter anderem an selbst lernende Systeme
nach dem Modell des Quiz-Computers Watson, an die Analyse von großen
Datenmengen für bessere Prognosen im Gesundheitswesen, für
Verkehrssysteme der Zukunft oder auch in der Energieversorgung.