Erst die Allianzen mit Yahoo, Facebook und Nokia, jetzt der Kauf
von Skype: Microsoft schmiedet weiter einen Gegenpol zu Apple und Google . Ob die Milliarden-Wette des Windows-Riesen im Internet
aufgeht, ist eine der spannendsten Fragen in der IT-Welt.
Berlin/New York (dpa) - Es ist ein Riesen-Zukauf mit Symbolkraft.
Microsoft blättert überraschend viele Milliarden für den
Telefon-Dienst Skype hin - dessen Funktionen eigentlich auch schon
längst
in eigenen Produkten des Windows-Konzerns stecken. Damit wird noch
deutlicher, dass Microsoft kaum ein Preis zu hoch ist, um eine große
Internet-Koalition gegen die erfolgreichen Rivalen Google und Apple
zu bilden. Yahoo, Facebook, Nokia als Partner, jetzt auch noch Skype
als künftige Firmensparte: Es geht um nichts Geringeres als die
Zukunft von Microsoft in der Internet-Ära.
So geizte Microsoft-Chef Steve Ballmer nach Bekanntgabe des Deals
nicht mit großen Worten. «Heute ist ein großer Tag für Microsoft»,
verkündete er. Zusammen würden die Partner die Zukunft der
Kommunikation prägen.
Skype bringt dem Windows-Riesen jede Menge Nutzer sowie eine
erprobte Technologie zum Telefonieren über das Internet, auch mit
Video. Der Preis ist mit 8,5 Milliarden Dollar drastisch höher als
alle Summen, die bei bisherigen Besitzerwechseln für Skype auf den
Tisch gelegt wurden - und das obgleich Microsoft mit dem Windows Live
Messenger ein Konkurrenzprodukt im eigenen Haus hat. Klar, mit dem
Bargeld-Berg von 50 Milliarden Dollar, auf dem der Riese aus Redmond
sitzt, ist die Übernahme leicht zu schultern. Aber hat es Microsoft
wirklich so nötig?
Der Konzern, der die IT-Branche in den vergangenen Jahrzehnten wie
kein anderer beherrschte, findet sich gerade in einer seltsamen
Lage wieder: Die Kassen füllen sich jedes Quartal mit neuen
Milliarden, die Geldmaschine Windows ist nach wie vor die
dominierende Plattform auf dem PC-Markt - und doch steht das
Computer-Urgestein Microsoft unter massivem Druck der viel
jugendlicher wirkenden Rivalen Apple und Google.
Viele von Microsofts Problemen fangen mit einem kleinen «i» an,
wie iPhone, iPad und iMac. Apple hat es nicht nur geschafft, mit dem
iPhone den Handy-Markt umzukrempeln, sondern rief mit dem Erfolg des
Tablet-Computers iPad auch gleich noch die «Post-PC-Ära» aus. Will
heißen: Der klassische PC verliert an Bedeutung, schlanke mobile
Geräte ersetzen ihn an vielen Stellen. So gewagt die These auch
erscheinen mag, aktuelle Marktzahlen zeigen bereits, dass das iPad
und die Ausbreitung der Smartphones den PC-Absatz bremsen.
Diese Entwicklung trifft Microsoft in seinen Grundfesten: Windows und Office sind nach wie vor die Gewinnbringer. Aktuelle Zahlen
zeigen es deutlich. Bei 5,7 Milliarden Dollar lag der operative
Gewinn in dem Ende März abgeschlossenen dritten Geschäftsquartal. Gut
2,7 Milliarden trug die Windows-Sparte bei, mehr als 3,1 Milliarden
kamen vom Business-Bereich mit seinen Office-Lizenzen . Dagegen
brannte das Internet-Geschäft wieder ein Loch von mehr als 700
Millionen Dollar in die Kasse - während Suchmaschinenprimus Google gleichzeitig immer neue Rekordgewinne vermeldet.
Seit Jahren schon versucht Microsoft, Anschluss an Google zu
finden, inzwischen im Tandem mit dem Internet-Pionier Yahoo. Vor
einigen Jahren war der Unmut schon so groß, dass Microsoft
Yahoo für fast 50 Milliarden Dollar kaufen wollte. Zuletzt konnte
Microsofts Suchmaschine Bing dem Rivalen Google zwar einige
Prozentpunkte Marktanteil abringen. Doch für diesen kleinen Erfolg
musste Microsoft teuer bezahlen, wie die Geschäftszahlen zeigen.
Bei den Smartphones krebst das Betriebssystem Windows Phone bei
niedrigen Marktanteilen herum. Eine Allianz mit dem weltgrößten
Handyhersteller Nokia soll die Wende bringen. Immerhin bescheinigen
Experten der Microsoft-Plattform, sie funktioniere ordentlich. Aber
ob das reicht, um gegen Kultgeräte wie das iPhone oder Googles Smartphone-Betriebssystem Android anzukommen, die bereits hunderte
Millionen Fans weltweit gefunden haben? Microsoft ist spät dran.
Was genau hat Microsoft also davon, Skype für teuer Geld zu
kaufen? Die grundlegenden Funktionen beherrscht der Softwareriese
selbst und verdient mit der Technik bisher höchstens in
homöopathischen Dosen Geld. Zum einen bekommt Microsoft auf einen
Schlag die gut 660 Millionen registrierten Nutzer, zum anderen die
über Jahre eingefahrene und weit verbreitete Technologie.
Mit Skype auf Windows-Smartphones hätten Microsoft und Nokia ein
fertiges Gegenangebot zu Apples Facetime-Videotelefonie. Und noch
mehr: Mit Skype würde Microsoft tief ins Territorium der Rivalen Apple und Google vorstoßen - denn Skype läuft schon heute
millionenfach auf iPhone und Android-Handys.
Überdies könnte Skype in Verbindung mit Microsofts Spielkonsole
Xbox den Sprung ins Wohnzimmer schaffen. Microsoft-Chef Steve Ballmer
kündigte bereits an, Skype solle mit den eigenen Produkten vernetzt
werden bis hin zum weit verbreiteten E-Mail-Programm Outlook. Auch
Microsofts Partner Facebook dürfte an der Technologie interessiert
sein: Denn das weltgrößte Online-Netzwerk will zur
Kommunikationszentrale für seine mehr als 600 Millionen Nutzer werden.